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Hiroshima: die Stadt der Handwerkskunst

Japan-Liebhaber Steve Beimel ist im Auftrag von Mazda Stories in die Mazda Heimatstadt Hiroshima gereist und hat dort einige besondere Handwerkerinnen und Handwerker kennengelernt.

Handwerkstraditionen gibt es in aller Welt, aber womöglich hat kein Land seine Disziplinen so sehr zu Ausdrucksformen des menschlichen Geistes verfeinert wie Japan. Ich habe in Hiroshima Menschen aus vier handwerklichen Richtungen getroffen: der Keramik, der Pinselherstellung, der Blattmetallfertigung und des meisterhaften Presswerkzeugbaus bei Mazda. Alle verbindet ihre Leidenschaft für Handwerkskunst und ihre Wertschätzung für die Methode Trial and Error, also Versuch und Irrtum: Es geht darum, die Dinge auszuprobieren und besser zu machen. Lernen wir ihre Produkte und ihre unterschiedlichen Ausbildungsmethoden kennen und was sie über die Zukunft ihres Handwerks denken.

Rekiseisha: die Alchemisten

„Willkommen bei Rekiseisha!“ klingt es mir herzlich entgegen, als ich das Unternehmen im Zentrum Hiroshimas betrete, das seit Jahrzehnten Papierarbeiten mit Blattmetall herstellt. Angefangen hat Rekiseisha vor 400 Jahren als Schwerthandlung; als Schwerter 1876 in Japan verboten wurden, trat das Unternehmen in die Welt des hochwertigen Handwerks ein.

„Wir haben viel ausprobiert, um farbbeständiges Messing als Goldersatz zu entwickeln und ein Verfahren zu etablieren, mit dem wir Metallfolien auf Papier befestigen“, erzählt Kreativ-Direktor Kazuyuki Kanetsuki. Dadurch konnten Kosten gesenkt und neue Märkte erschlossen werden. Heute produziert Rekiseisha zehn Blattmetallarten – darunter Gold, Platin, Messing und Zinn – in rund 1.300 Designs, mit denen große und kleine Innenraumwände geschmückt werden..

„Es dauert zehn Jahre, ein Meister des Blattmetalls zu werden – einer, der allerkleinste Qualitätsunterschiede erkennen kann.“

Kazuyuki Kanetsuki

Die Leidenschaft für diesen Beruf und für das Unternehmen hat Kanetsuki von seinem Vater geerbt, der selbst ein Rekiseisha-Kunsthandwerker war. „Ich wollte schon immer für Rekiseisha arbeiten. Ich bin praktisch mit Blattmetalldekoren aufgewachsen, und es hat mich inspiriert, zu erleben, wie glücklich und erfüllt mein Vater durch seine Arbeit war.“

Sechs Jahre lang wurde Kanetsuki ausgebildet und sammelte Erfahrung, dann übernahm er seine Position. Während ihrer Ausbildung können sich die Mitarbeiter im Betrieb auf eines von drei Feldern spezialisieren: das Aufbringen der Metallfolien, das Aufbringen von Klebern und Beschichtungen oder die Produktveredelung. Bis zur wahren Meisterschaft dauert es zwischen 18 Monate und zehn Jahre; Kanetsuki hofft, dass dieses Ausbildungssystem an die folgenden Generationen weitergegeben werden kann.

„Wir entwickeln unser Produktangebot und unsere Produktionsmethoden immer weiter, um mit den sich ändernden Märkten Schritt zu halten. Ich persönlich wünsche mir, dass meine Liebe zu dieser Arbeit irgendwann auch meinen eigenen Sohn inspiriert“, sagt Kanetsuki.

Die Linie „Antike Seide“ von Rekiseisha besteht aus Blattmetall und einem traditionellen japanischen Washi-Papier mit unregelmäßigem Seidenmuster. Sie besitzt eine weiche, reichhaltig strukturierte Oberfläche. Das Handwerk erfordert hohe Konzentration, Geduld und Geschick. Blattgolddekore tauchten in Japan erstmals um das Jahr 1600 in den Häusern von Samurai der Oberklasse auf.


Kumano Pinsel: eine sanfte Berührung

Kumano ist die Stadt der Pinselmacher: 2.000 Menschen produzieren hier in der Präfektur Hiroshima 80 Prozent der japanischen Pinsel für Malerei, Kalligrafie und Kosmetik. Die Kunsthandwerker arbeiten zuhause oder in kleinen Läden und stellen Hunderte verschiedener Pinselarten her – manche kosten nur wenig, andere bis zu 4.200 Euro.

Meine erste Station in Kumano ist Houkodo. Tomoko Ihara, Präsidentin des 116 Jahre alten Unternehmens, erzählt, dass ihr Vater als Ingenieur bei Mazda tätig war, bevor er in das Familienunternehmen eintrat. „Ob Autos oder Pinsel – er arbeitete daran mit dem gleichen Sinn für Handwerkskunst.“

Die führende Pinselmacherin von Houkodo, Suikou Kagawa, besitzt 40 Jahre Erfahrung und wurde wie zuvor ihre Mutter für diese Aufgabe ausgebildet. Es dauert zehn Jahre, eine Pinselmeisterin zu werden, und bei Houkodo „lernen wir alle 70 Schritte allein durch Zuschauen und Nachahmen“.

„Kaum etwas wird durch das gesprochene Wort gelehrt. Wir lernen im Wesentlichen, indem wir arbeiten.“

Suikou Kagawa

Als nächstes besuche ich Chikuhodo, einen Hersteller von Pinseln für Make-up-Artists und Kosmetikfirmen. Hier lerne ich, dass unregelmäßige natürliche Pinselspitzen dafür sorgen, dass ein Make-up hält, und wie man mit einer sanften Berührung ein tolles Ergebnis erzielt. Pinselmacherin Tamae Suenaga hat ihr Handwerk in 18 Jahren perfektioniert und „ein natürliches Gefühl für die Arbeit mit Haaren“ entwickelt.

Gleichwohl versucht sie, sich immer weiter zu verbessern, denn Märkte und Kosmetikprodukte verändern sich permanent. „Wir entwickeln immer wieder neue Pinselvarianten für neue Kosmetikprodukte, die auf den Markt kommen. Das bedeutet für mich, dass auch ich meine Fertigkeiten stetig verbessern muss.“

Den Grundstein für die Pinselbranche von Kumano legten Wanderbauern, die Pinsel aus Ostjapan mitbrachten und an Einheimische verkauften.

Die Spitzen ungeschnittener Tierhaare sind perfekt geformt und fühlen sich weich an. Deshalb wird für Pinsel nur erstmals abgeschnittenes Haar verwendet.

Alles wird in Handarbeit gemacht, es gibt keine Maschinen: nur ein Messer und ein Kamm, um lose Haare zu entfernen.

Kumano-Pinsel sind sehr begehrt und werden von weltbekannten Make-up-Artists wie Wayne Goss und Troy Surratt benutzt.

Kuugen Arimoto: Die Kunst der Keramik

„Shino-Keramik ist so weich wie Schnee”, sagt der in Hiroshima geborene Keramiker Kuugen Arimoto. „Ich habe mich nie für Keramik interessiert, doch als ich 28 war, sah ich die rötlich schimmernde Shino-Teeschale eines großen Meisters und war wie vom Blitz getroffen. Von diesem Zeitpunkt an wollte ich solche Schalen selbst herstellen.“ Dieser ‚große Meister‘ war Arakawa Toyozo, ein Töpfer aus dem 20. Jahrhundert und ein lebendes Nationalheiligtum. Jahrelang hat Arimoto unermüdlich gearbeitet; heute zeigt er seine Arbeiten bei Einzelausstellungen in den angesehensten Galerien Japans.

Die Eleganz von Shino-Keramik liegt in ihrer Einfachheit. Benötigt werden lediglich der seltene weiße Moxa-Ton und weißer Feldspat für die Glasur. Nur Ton, ein Mineral und Feuer. Arimoto baut seinen eigenen Ton und Feldspat ab und verarbeitet ihn. „Vor Jahren stieß ich beim Wandern zufällig auf Ablagerungen voll Moxa. Insgesamt ließ ich dann 50 Tonnen nach Hiroshima transportieren – ein Vorrat fürs Leben.“

„Ich möchte anderen dienen, indem ich Werke entwerfe, die ihnen große Freude machen, hier in Japan und der ganzen Welt.“

Kuugen Arimoto

Arimoto hat sich sein Handwerk selbst beigebracht und vertraut auf Versuch, Irrtum und Forschung. Er benutzt ein Handrad, kein elektrisches, damit sich in seinen Arbeiten seine Energie und Emotionen widerspiegeln können. Um die warme Röte zu erreichen, für die Shino-Keramik bekannt ist, heizt Arimoto seinen Ofen fünf Tage lang bei niedrigen Temperaturen. 60 bis 80 Prozent seiner Arbeiten zerstört er und behält nur die besten Stücke. „Ich möchte, dass meine Arbeit die Menschen über Generationen inspiriert.“ Nach seinem Ziel gefragt, eine Schale wie der große Meister zu erschaffen, lächelt er nur und sagt: „Das ist bisher noch nicht geschehen.“


Mazda: Meisterhafte Techniker

Meine Gastgeberin bei Mazda ist Chiharu Saeki, Ingenieurin in der Abteilung Presswerkzeugbau. In ihrem Forschungslabor stellt Saeki das neue Ausbildungsprogramm von Mazda vor. „Presswerkzeugtechniker brauchen 20 Jahre, um das zu werden, was wir in Japan unter ‚wahren Meistern‘ verstehen. Diesen Zeitraum wollen wir auf fünf Jahre verkürzen und damit die Fähigkeiten in unserem Team deutlich verbessern.“

Presswerkzeuge spielen eine wesentliche Rolle für die Mazda-Werte von Handwerk, kunstvollem Design und Innovation – denn sie machen aus dem Design die tatsächliche Form eines Autos. „Die Qualität unserer Fahrzeuge hängt von der Qualität unserer Presswerkzeuge ab und die wiederum von Händen und Augen.“

Ich beobachte, wie Saeki eine digitale Bewegungsanalyse durchführt. Während ein mit 41 Leuchtmarkern ausgerüsteter Techniker ein Stück Stahl schleift, misst eine Kamera seinen Muskeleinsatz, die Verteilung des Körpergewichts, Anstrengung, Haltung, Armwinkel und Augenbewegungen. Das fertige Metallstück, die benötigte Zeit und die Kameradaten werden mit denen eines Meistertechnikers mit 20 Jahren Erfahrung verglichen, um auf dieser Basis die künftige Ausbildung anzupassen.

„In die Abteilung Presswerkzeugbau hat mich vor allem das Soul of Motion Design geführt – und wie es in der Kunstfertigkeit und den Technologien der Presswerkzeugtechniker zum Ausdruck kommt.“ Chiharu Saeki

Eine Kamera misst Muskeleinsatz, Verteilung des Körpergewichts, Anstrengung, Haltung, Armwinkel und Augenbewegungen.

Das neue Ausbildungsprogramm von Mazda analysiert und bewertet die Kernkompetenzen der Abteilung Presswerkzeugbau: Veredelung und Qualitätsbewertung.

Das Programm hat dieses Jahr den Technologie-Preis der Japanischen Gesellschaft für Präzisionstechnik gewonnen.

„Wir wollen in der Produktionsabteilung von Mazda nicht ein reines Massenprodukt herstellen, sondern etwas Feines, Schönes und Elegantes schaffen.”

Chiharu Saeki

Durch das Ausbildungsverfahren, erzählt Saeki, konnte der Weg zur Meisterschaft bereits von 20 auf nur noch zehn Jahre und der Weg vom Anfänger zum Fortgeschrittenen von sieben auf zwei Jahre verkürzt werden. Welche Fähigkeiten ein Mitarbeiter hat, wurde bisher durch die Jahre der Firmenzugehörigkeit und die Beobachtungen der Vorgesetzten bestimmt; jetzt gibt die Qualität der Arbeit den Ausschlag.

Was hat Saeki eigentlich zu Mazda geführt? „Mein Großvater war ein Schreiner“, erzählt sie. „Handwerker wurden in unserem Hause respektiert und bewundert. Diesen Geist gibt es auch bei Mazda: Das Soul of Motion-Design wird bei jedem Fahrzeug, das wir produzieren, mit großer Sorgfalt und Handwerkskunst umgesetzt. Bei Mazda ist ein Auto nicht einfach nur ein Konstrukt aus Stahl, sondern ein ästhetisches Werk voller Lebendigkeit.“


Text Steve Beimel / Fotos Eric Micotto

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