INSPIRATION

Ein Porträt der japanischen Künstlerin Rei Naito

Für eine international bekannte Künstlerin ihres Formats ist Rei Naito (die wie Mazda aus Hiroshima stammt) überraschend schwer zu fassen. Sie hat weder eine Webseite noch ein Presse-Team; Mazda Stories gelingt es nur über verschiedene Galerien und Stiftungen, einen Kontakt herzustellen. Naito willigt in das Interview ein, möchte die Fragen aber lieber per E-Mail beantworten. Also lasse ich ihr die Fragen zu ihren einzigartigen wie inspirierenden Arbeiten schriftlich zukommen und warte gespannt auf Antwort.

Eine Woche später meldet sich Naito zurück. Obwohl sie mit der Eröffnung ihrer neuen Ausstellung in der Galerie Taka Ishii in Tokio beschäftigt ist, sieht man, dass sie sich für die Beantwortung der Fragen Zeit genommen hat. Die Kernfrage, die sie sich als Künstlerin stellt, lautet: „Ist unsere Existenz auf Erden ein Geschenk an sich?“ Unabhängig von den Themen und Botschaften ihrer einzelnen Werke bestimmt diese Frage ihr gesamtes Schaffen. Ihr Thema ist die zyklische Natur der Existenz, immer wieder werden unter der Oberfläche Fragen zu Leben und Tod verhandelt; die Kunst, sagt sie, „hilft den Menschen, zu überleben.“

Größe und Umfang ihrer Installationen variieren. So wie Mazda natürliche Materialien für seine Fahrzeuge verwendet, so nutzt Naito unterschiedliche Gegenstände wie Holzfiguren oder Perlen, um ihre Kunstwerke zu formen. Sie arbeitet auch gerne mit „Sonnenlicht, Luft, Schwerkraft, Wasser und Wind“. Ihr gefällt daran unter anderem, dass diese Elemente „schon vor den Menschen auf der Erde existiert haben“, was ihrer Arbeit eine zeitlose Ausstrahlung verleiht.

‘human’, What Kind of Place was the Earth?, 2012, Installation bei Kurenboh, Tokio. Bild: Naoya Hatakeyama, mit freundlicher Genehmigung der Galerie Taka Ishii.

une place sur la Terre, 1991, Sagacho Exhibit Space, Tokio. Bild: Naoya Hatakeyama, mit freundlicher Genehmigung der Galerie Taka Ishii.

Being Given, 2001, Kinza, Art house Project, Naoshima, Kagawa. Bild: Naoya Hatakeyama, mit freundlicher Genehmigung der Galerie Taka Ishii.

On This Bright Earth I See You, 2018, Installation Contemporary Art Gallery, Art Tower Mito, Ibaraki. Bild: Naoya Hatakeyama, mit freundlicher Genehmigung der Galerie Taka Ishii.

Rei Naito, 2020, Installation Galerie Taka Ishii, Tokio. Bild: Kenji Takahashi, mit freundlicher Genehmigung der Galerie Taka Ishii.

Als Antwort auf eine meiner Fragen schickt Naito eine Liste von Stücken, an denen sich aus ihrer Sicht „ihr Fortschritt als Künstlerin“ ablesen lässt. Jedes davon ist ein Schlüssel für das Kunstwerk, das daraus in einer Art organischer Abstammung entstanden ist. In dem Werk une place sur la Terre (Ein Platz auf der Erde) aus dem Jahr 1991 erschuf sie eine Installation, die man allein betrat – ein „Mutterleib“ –, um sie förmlich neugeboren wieder zu verlassen. 1997 schuf sie Being Called für die Galerie im Karmelitenkloster in Frankfurt. Hier stellte sie ein kleines Kissen für jeden der 304 Toten her, die auf einem der Wandbilder eines Klosters abgebildet sind. „Indem ich mich auf diese Weise mit den Toten verbunden habe, konnte ich mich mit unserer Existenz vor der Geburt verbinden. Dadurch kann ich in Harmonie mit dem Vergehen der Zeit existieren.“

Naito wurde 1961 in Hiroshima geboren und erfuhr „nach und nach durch die Friedenserziehung von der Atombombe“, die tief mit der Geschichte der Stadt verwoben ist. Sie erinnert sich an den Stolz ihres Grundschulfreundes, dessen Vater für Mazda arbeitete (damals noch Toyo Kogyo Co., Ltd.). Und sie erinnert sich daran, mit welcher Kraft Mazda und sein örtliches Baseball-Team Toyo Carp „die Herzen der Menschen von Hiroshima“ vereinten, während die Stadt wiederaufgebaut wurde.

1985 schloss Naito die Musashino Art University in Tokio ab. Sie hatte visuelles Kommunikationsdesign studiert, wandte sich dann aber dem künstlerischen Schaffen zu und produzierte schon bald jene minimalistischen Installationen, die zu ihrem Markenzeichen werden sollten. In der Folge stellte sie in einigen der angesehensten Galerien der Welt aus, unter anderem im Museum of Art Tel Aviv und bei der Biennale in Venedig.

Ihr vielleicht bekanntestes Werk ist allerdings Matrix, eine Installation für das Teshima Art Museum von 2010. Teshima ist eine kleine Insel im japanischen Seto-Binnenmeer. In den 1970er und -80er Jahren wurden auf der Insel Hunderte Tonnen Giftmüll illegal entsorgt und verursachten extreme Umweltschäden. Jahrzehnte später wurde im Rahmen der Aufräumaktion ein Kunstwerk installiert, um die Sanierung von Teshima zu feiern. Die äußere Betonstruktur des Museums, das in eine wiederbelebte Reisterrasse eingebettet ist, wurde vom Architekten Ryue Nishizawa entworfen, Naito entwickelte die Installation im Inneren.

Für Naito, die das Kunstwerk bereits seit 2007 geplant hatte, war das Projekt die perfekte Gelegenheit, um ihre Erfahrungen aus der Arbeit mit Wasser einzubringen, die sie bereits seit ihrer Installation Being Given (2001) inspiriert. Unterhalb der Anlage fand sie natürliche Quellen und nutzte das ansteigende Wasser, um kleine Bläschen, Rinnsale und Ströme zu formen, die auf scheinbar wundersame Weise erscheinen, sich über den Boden der Galerie bewegen und dann wieder verschwinden.


Matrix ist eines der bekanntesten Werke von Rei Naito. Es befindet sich auf der Insel Teshima im Seto-Binnenmeer. Die Region, zu der auch Mazdas Heimatstadt Hiroshima gehört, ist für ihre Fertigungstradition und insbesondere für das Tatara-Verfahren berühmt: ein altes, höchst fortschrittliches Verfahren der Stahlherstellung. Die Genialität der Handwerker, die diese Spitzentechnologie entwickelten, kommt heute in der Monotsokuri-Kultur und deren Streben nach Perfektion und Innovation in der Stahlherstellung zum Ausdruck. Dank dieser Kompetenz wurde Hiroshima im frühen 20. Jahrhundert zu einem Zentrum für Schiffs- und Automobilbau, und die Kunst des Monozukuri lebt bis heute im Produktionsverfahren von Mazda weiter.

Oben: Luftaufnahme der Insel Teshima. Bild: Iwan Baan; Mitte: Viewing the Matrix. Bild: Iwan Baan; Unten: Matrix, 2010, Teshima Art Museum, Kagawa. Bild: Noboru Morikawa.

„Rei Neto ist überzeugt: Wenn dem Betrachter Zeit und Raum gegeben wird, ein bestimmtes Detail einer Installation zu erkennen, dann verändert sich in diesem Moment des persönlichen Erlebens die Welt.“

Trotz all ihrer Schönheit und ihres meditativen Friedens geben die Arbeiten wenig über ihre Urheberin preis; Naito bleibt rätselhaft. Ich frage mich, ob das daran liegt, dass ihre Kunst zur Selbstreflexion animiert. Wie ihre Werke erlebt werden, hängt zwar von jedem Betrachter individuell ab. Doch une place sur la Terre wurde speziell entworfen, „um vollkommen allein erlebt zu werden. Das Werk soll die Freiheit des Herzens schützen und achten.“

Der Schlüssel zu Naitos Werk ist Verbundenheit: Die Mehrzahl ihrer Installationen ist darauf ausgelegt, von höchstens einer Handvoll Menschen gleichzeitig erlebt zu werden. Dies bietet den Zugang zu ihrer Botschaft und ihrer künstlerischen Kraft. Wenn Besucher den Raum und den Frieden gewährt bekommen, „ein bestimmtes Detail in einer Installation zu bemerken, dann verändert sich in diesem Moment des persönlichen Erlebens und der Offenbarung die Welt“, so Naito. „Gibt es etwas Bewegenderes als diesen Augenblick der Transformation? Dieser Moment der Einsamkeit kann so flüchtig sein, dass er nicht geteilt werden kann, aber genau das ist es, was das Erlebnis zu deinem eigenen macht.“

Im neuen Jahr hat Rei Naito mehr zu tun denn je. Kürzlich hat sie in der Taka Ishii Galerie in Tokio ihre Ausstellung dreidimensionaler Werke und Gemälde eröffnet, und nun konzentriert sie sich auf die Tokyo Biennale, an der sie 2021 zum ersten Mal teilnimmt. In meiner letzten Frage möchte ich wissen, was sie für die Veranstaltung geplant hat, und freue mich zu hören, dass wir die Rückkehr von „human“ aus ihrem Kunstwerk What Kind of Place was the Earth? aus dem Jahre 2012 erleben werden.

Human ist eine Gruppe kleiner Figuren, die auf der Biennale in einem buddhistischen Tempel installiert werden. Sie sehen zwar echten Menschen ähnlich, unterscheiden sich aber darin, dass sie jeden, den sie sehen, als Zeichen für Hoffnung wahrnehmen. Die Figuren warten und „beobachten in aller Ruhe, bis jemand kommt, ehe sie ihn willkommen heißen und sich um ihn kümmern“ – eine hoffnungsvolle und optimistische Botschaft, die wir uns beim Blick in die Zukunft zu eigen machen können.

Oben: die Künstlerin Rei Naito Foto: Satoshi Nagare, mit freundlicher Genehmigung der Galerie Taka Ishii.


Text Tommy Melville

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